Freitag, 9. November 2018

Ich will gedenken an die Taten des HERRN...


Ich will gedenken an die Taten des HERRN; ja, ich gedenke an deine früheren Wunder,
und ich sinne nach über alle deine Werke und erwäge deine großen Taten:
O Gott, dein Weg ist heilig! Wer ist ein so großer Gott wie du, o Gott?
(Psalm 77,12-14)

Wenn am 31.12. dieses Jahres 2018 mein Anstellungsverhältnis im Verein endet, liegen über 150 Ostreisen nach Polen, Weißrussland, der Ukraine, Rumänien, Moldawien und Transnistrien hinter mir. Vor jeder Besuchsreise war unser Wunsch und Gebet, dass Gott uns gebrauchen möchte, um Menschen zu ermutigen und zu unterstützen mit dem, was Gott uns anvertraut hat. Es begann sehr unscheinbar im Jahre 1986, doch im Laufe der Jahre konnten ca. 130 große LKW- oder Container mit Hilfsgütern von unserem Lagerstützpunkt in Tauscha aus losgeschickt, und mindestens nochmal so viele Hilfsgütertransporte mit unseren Kleintransportern durchgeführt werden.
Vor allem aber denke ich voller Dankbarkeit an die hundertfachen Begegnungen mit Geschwistern unterschiedlichster Kirchen und Gemeindezugehörigkeiten zurück, an die wertvollen persönlichen Einblicke in persönlichen Lebensschicksale, aber auch die ermutigenden Begegnungen, die trotz schuldhafter Vergangenheit unseres Volkes von Versöhnung und dem Schalom unseres Herrn geprägt waren.
Besonders die gemeinsamen Dienste mit dem Ehepaar Altmann in Moldawien haben die letzten Jahre stark geprägt: persönliche Besuche bei Holocaustüberlebenden, Besuche im Tageszentrum der Chessed, Besuche in der Synagoge von Chişinău, auf dem jüdischen Friedhof, am Ghetto-Denkmal, und vor allem Besuche in jüdisch-messianischen Gemeinden und Hauskreisen in Chişinău, Orghei, Balti, Tiraspol und Bender.
Als wir 1996 das erste Mal in einer Nachtfahrt von Kiew nach Chişinău fuhren, hatten wir keine Vorstellungen von diesem Land, auch nicht von Transnistrien (dem Land hinter dem Dnjestr bzw. Nistru), diesem "Staat im Staate" Moldawiens. Wir verwunderten uns nur, dass wir mehrmals sehr willkürlich von Militär in dieser Nachtfahrt mit drei Fahrzeugen angehalten, kontrolliert und unfreiwillig um mancherlei Hilfsgüter "erleichtert" wurden. Ganz spannend wurde es damals, als wir im Dunkeln dann von der Straße weggeleitet über eine Pontonbrücke den Fluss Dnjestr überquerten. Erst im Nachhinein „machten wir uns schlau“, dass dieses Gebiet zwischen Dnjestr und der Ukraine 1990-1992 im Zuge des Zerfalles der Sowjetunion einen Bürgerkrieg erlebt hatte und der Status bis heute ungelöst ist. Völkerrechtlich wird es Moldawien zugerechnet, ist aber de facto unabhängig mit eigener Regierung, Währung, Verwaltung und Militär. Eingeklemmt zwischen den sich nach Westeuropa orientierenden Nachbarn Ukraine und Moldawien, orientiert sich Transnistrien nach Russland hin. Russische Streitkräfte (die 14. Armee) sind präsent, auch an der Grenze. Durch seine geografische Insellage und die allgemeinen Entwicklungen ist die politische und wirtschaftliche Lage sehr angespannt; mehr noch als in Moldawien.
Die ersten Grenzpassagen von Rumänien nach Moldawien gestalteten sich für uns sehr schwierig wegen immer wieder neuen Gebühren und mehrfach gestaffelter undurchsichtiger Grenzabfertigung. Wochenlang vorher mussten die Pässe an das moldawische Konsulat nach Berlin geschickt werden (nach Einzahlung einer hohen Visumgebühr), um ein Visum in den Pass eingeklebt zu bekommen. In Moldawien selbst musste unser Fahrzeug für die Nacht auf einen umzäunten und bewachten Parkplatz gebracht werden, in dem nachts scharfe Hunde frei herumliefen.  Inzwischen erleben wir  die Grenze zu Moldawien relativ normal hinsichtlich der Abfertigung.

Manchmal war uns in der Vorbereitung die Frage, ob sich der Aufwand einer so langen Fahrt tatsächlich lohnt, um nur wenige Tage gemeinsam Besuche zu machen. Aber nach jeder Fahrt mit den vielen Kontakten und der Wertschätzung für unseren Einsatz, des Austausches mit den Geschwistern bei persönlichen Besuchen, in den Gemeinden und nicht zuletzt auch die Gemeinschaft der mitfahrenden Geschwister gab es immer wieder nur tiefe Dankbarkeit in unseren Herzen. Dafür, dass wir unsere "älteren Geschwister", das jüdische Volk in Moldawien segnen und Gemeinschaft mit ihnen genießen dürfen.
Nach unseren eigenen Erfahrungen in jener ersten Nachtfahrt durch Transnistrien und nach allen uns zugänglichen Erlebnisberichten mit der Grenze zu Transnistrien haben wir uns lange gescheut, dieses Land zu bereisen. Erst nach wiederholten dringlichen Einladungen der dortigen Geschwister haben wir einen guten Kompromiss gefunden. Seit 2015 lassen wir uns von einem Fahrzeug aus Transnistrien abholen, verzichten dadurch auf hohe Einfahrtgebühren für "westliche Fahrzeuge", auf größere Mengen an Hilfsgütern und beschränken uns durch den zeitlich begrenzten Aufenthalt auf die vorgeschriebene An- und Abmeldung bei den örtlichen Polizeibehörden.

Am 1.Oktober starteten wir zu dritt wieder einmal nach Moldawien und Transnistrien. Dabei legten wir insgesamt etwa 4500 km zurück, davon knapp die Hälfte auf mehr oder weniger schlechten Landstraßen. Immer wieder sind wir dankbar für alle unfall- und pannenfreien Fahrten, vor allem im chaotischen Verkehr der Hauptstadt Chişinău. Unsere enge Zufahrtstraße zum Quartier unserer Freunde war auf etwa 200 m eine Baustelle, wo wir durch abgestellte Fahrzeuge, nur durch Bretter abgedeckte Kanalöffnungen und massive Absätze kaum durchfahren konnten. Es fällt uns immer wieder auf, dass einerseits richtige Paläste gebaut werden und viele hochpreisige PKWs unterwegs sind, wir andererseits armselige Wohnungen und erbarmungswürdige Bettler mitten im Stadtverkehr zwischen den Fahrzeugen wahrnehmen.

Sowohl bei den persönlichen Besuchen, aber erst recht in den Gemeinden erleben wir eine kaum zu beschreibende Wertschätzung und Verbundenheit zu Ilja und Liuba Altmann, die in ihrem Alter die Mühe eines solchen Dienstes auf sich nehmen. Ilja ist es geschenkt, den Menschen auf eine einzigartige tiefe Weise sein Lebenszeugnis nahezubringen und den Rahmen mit jüdischem Humor zu würzen. Wenn er das "Volk Gottes" am Ende jeden Gottesdienstes als Ilja Aronowitsch mit dem Segen Arons verabschiedet, berührt es mich in besonderer Weise.

Aber nicht nur mit unseren jüdischen Geschwistern konnte Gemeinschaft gepflegt werden, sondern darüber hinaus auch mit langjährigen Freunden auf dem Weg. So war unser erster Halt bei einem ungarischen Pastor der reformierten Kirche in Pericei, dem wir Süßigkeiten für die Kinder übergeben konnten. Sein Bericht über die gute Zusammenarbeit mit anderen Kirchen am Ort hat uns erfreut. Auch die Tatsache, dass sich sonntags am Vormittag 400 und am Nachmittag nochmal 200 Besucher zu den Gottesdiensten einfinden. Und das in einem Ort von etwa 3000 Einwohnern.
Der Baufortgang eines neuen Gemeindezentrums ließ uns staunen.
Für das Tabara-Camp (unter ungarisch-baptistischer Leitung) in den Karpaten hatten wir eine dringlich benötigte Waschmaschine mitgenommen. Hier hatten wir einen Kontakt mit einer langjähriger Unterstützergruppe aus England. Sehr beeindruckt waren wir von der erfolgten Innenrekontruktion des "Davidhauses", zu der vieles an Fliesen und Sanitärmaterial von uns im Frühsommer per LKW geschickt werden konnte. Dankbar hörten wir die Wertschätzung über die Einsätze unserer Mitarbeitergruppen zu zwei großen Sommercamps.
Unser Quartier in Moldawien bei unseren katholischen Freunden ist uns für die Zeit unseres Aufenthaltes in Moldawien ein richtiges Zuhause geworden. Für ihren Kindergarten übergaben wir Süßigkeiten.
Auf der Rückfahrt besuchten wir in Rumänien einen orthodoxen Pfarrer mit seiner Frau, die uns zum Mittagessen einluden. Und schließlich genossen wir noch den Besuch bei Familie Depner in der Pfingstgemeinde von Urwegen, denen wir unsere letzten Kartons mit Hilfsgütern überlassen konnten.

Mögen alle unsere Begegnungen und alle Unterstützungen etwas bewirken zum Lob Gottes und mag uns alles Geschehen bestärken, am Herrn zu bleiben und seinen Willen zu suchen und zu tun!

Johannes Steinmüller